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«An Herausforderungen wachsen»

Unter dem Motto «Wachsen aus Herausvorderungen» erlaubte der Pionier und Wegbereiter im Parasport, Heinz Frei, den zahlreich erschienen Zuhörerinnen und Zuhörern im Reformierten Kirchgemeindesaal in Egerkingen einen bewegenden Einblick in sein von Tiefen und (sehr hohen) Höhen geprägtes Leben.

Seine Schilderungen führten uns von seiner Kindheit mit vier Geschwistern in Oberbipp, seinem Entscheid nach der Einschulung dem lokalen Turnverein beizutreten über sein frühes Interesse an Ausdauersportarten, insbesondere an der Leichtathletik, dem Radfahren und dem Langlauf bis hin zu seinen unübertroffenen Erfolgen als Parasportler im Rollstuhl und letztlich auf dem Handbike.

Sein Bewegungsdrang und Bedürfnis nicht nur im Büro sitzend einen Beruf ausüben zu müssen, sondern auch draussen arbeiten zu können, führte ihn zum Beruf des Vermessungszeichners.

Nach Abschluss der Lehre und eine Woche vor der Rekrutenschule geschah für den 20ig-jährigen das kaum Fassbare: Er war in Seelisberg und wollte vor einem bevorstehenden Berg- und Waffenlauf die Tour auskundschaften, als er auf dem nassen Gras ausrutschte, einen Steilhang hinunter stürzte und schliesslich auf dem Rücken liegen blieb.

Der Schock, dass er zwar die Hände bewegen konnte, aber nicht die Beine, liess ihn an den Skifahrer Roland Collombin erinnern. Dieser war 1975 während eines Trainingslaufs so unglücklich gestürzt, dass er mit der REGA ins Paraplegiker-Zentrum in Basel geflogen werden musste. Dass ihn ein ähnliches Schicksal ereilen würde, konnte Heinz Frei damals noch nicht ahnen, aber er wusste, dass er sich in seiner Situation nicht bewegen durfte. Mit der REGA wurde er nach Basel geflogen.

Die schlimmsten Befürchtungen des sportbegeisterten jungen Menschen wurden Realität, als ihm im Paraplegiker-Zentrum mitgeteilt wurde, dass er sein Leben fortan im Rollstuhl verbringen werden müsse, er querschnittgelähmt bleiben werde.

Nach zwölf Wochen liegend und unbeweglich im Bett – die gebrochenen Brustwirbel waren inzwischen wieder zusammengewachsen, das Rückenmark blieb aber beschädigt – durfte er zum ersten Mal wieder aufsitzen.

Mit viel Geduld und grossem Willen arbeitete er daran, sein Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen und – im übertragenen Sinn – wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Heinz Frei musste Alltägliches wieder von Grund auf neu erlernen. Fünf Monate dauerte die Rehabilitation.

Die Autonomie kam zurück, Zweifel am weiteren Dasein als Querschnittgelähmter blieben, das Selbstwertgefühl war auf einem Tiefpunkt. Die Beziehung zum eigenen Körper musste wieder neu gefunden und gestaltet werden.

Kopf und Körper waren gleichermassen gefordert oder in seinen Worten: «Oft steht uns der Kopf im Weg – die Balance zwischen Körper und Geist», musste er erst wieder erarbeiten und erfahren. Und in Erinnerung an seinen behandelnden Arzt Guido A. Zäch wusste er, dass zum Glück sein «Kopf unverletzt» geblieben ist.

Er erhielt viel Unterstützung durch seine Freunde aus den Jugendtagen, die ihn überall mitnahmen und ihm den Weg in sein neues Leben leichter machten.

Die Möglichkeit den Beruf als Vermessungszeichner zu 50% weiter ausüben zu können, gab ihm die Perspektive die Eigenständigkeit zurück zu erlangen. Er hat den gelernten Beruf circa 20 Jahre lang ausüben.

Gleichzeitig wurde er auch dazu ermuntert, den Bewegungsradius im Rollstuhl zu erweitern. Auch das selbständige Autofahren wurde, neben vielem anderen wieder möglich.

Es gab weitere Rückschläge: Die erste Begegnung mit seinem alten Fahrrad oder seinen Langlaufskis bei der Rückkehr in sein Elternhaus war schwierig. Auch Hilfe annehmen musste weiter gelernt werden.

Zwei Jahre brauchte Heinz Frei um seine frühere Lebensfreude und seine Liebe zum Sport wieder zu erlangen; er wuchs an den Herausforderungen, die ihm sein Leben im Rollstuhl brachten, begann wieder zu trainieren.

Als Mitglied eines Rollstuhlvereins lernte er 1980 einen Schicksalsgefährten und Tüftler kennen, der an der Entwicklung eines Rennsportstuhl mithalf. Er begann mit diesem Gefährt an verschiedenen Volksläufen teilzunehmen.

In Biel nahm er 1983 erstmals an einem Marathon teil. 1984 folgte der Marathon in Zürich; mit 2 Stunden und 14 Minuten fuhr Heinz Frei Bestzeit und war schneller als der beste Läufer.

Der Siegerpreis ging allerdings an den schnellsten Läufer. Für Teilnehmende im Rollstuhl war kein Preis vorgesehen, was sich Dank dem Engagement von Heinz Frei schon im nächsten Jahr ändern sollte.

Und dann gab es für ihn kein Halten mehr. 1984 qualifizierte er sich zum ersten Mal für die Paralympics und nahm an den Spielen in Stoke Mandeville (Grossbritannien) und New York teil. Mit fünf Medaillen in Stoke Mandeville, davon drei goldenen, über verschiedene Distanzen legte er den Grundstein für seine zukünftige Karriere, die ihn zu einem der grössten und erfolgreichsten Schweizer Sportler aller Zeiten und einem Pionier im Rollstuhlsport machen sollte.

In den 1990er Jahren gab es nicht nur weitere unzählige sportliche Grosserfolge, sondern auch private: Heinz Frei wurde Vater zweier Kinder. Inzwischen ist er in zweiter Ehe verheiratet.

In den frühen Nuller Jahren kam es zum ersten Misserfolg. An den Paralympics 2004 in Athen gewann er keine Medaillen und dachte deshalb erstmals an einen Rücktritt aus dem Parasport. Doch dann entdeckte er für sich das Handbike und gewann in Peking als Quereinsteiger 2008 mehrere Medaillen.

Nach einer über 46-jährigen Aktivzeit und unzähligen Siegen, Medaillen, Auszeichnungen zum Schweizer Sportler des Jahres und Behindertensportler des Jahres bestritt Heinz Frei im September 2024 an den Para-Cycling-Weltmeisterschaften in Zürich sein letztes WM-Rennen.

Heinz Frei dominierte den Parasport über Jahrzehnte und gilt als grösster Parasportler während der letzten 70 Jahren.

Sein grosses Wissen, seine Erfahrungen als Mensch und Sportler im Rollstuhl und seine gewonnene Lebensklugheit gab er lebensbejahend seit 2000 bis zu seiner Pensionierung 2024 als Sportreferent der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung Rollstuhlsport Schweiz Nottwil («das Magglingen des Rollstuhlsports») an ebenso ehrgeizige Menschen weiter, wie er einer wurde und war.

Ebenso engagiert gibt Heinz Frei seine er- und gelebten Erfahrungen als Referent weiter. In Zusammenhang mit dieser Tätigkeit war er Gast des Vereins «Aktives Alter» in Egerkingen.

Im direkten Kontakt und beim Zuhören seiner Lebenserzählung vergisst man kurzerhand, dass man einen mehrfachen Rekordhalter von Medaillengewinnen und einen der grössten Sportler der Welt vor sich hat.

Seine einnehmende und unkomplizierte Art – sein Charisma – hinterlassen einen starken Eindruck und man möchte diese Begegnung mit diesem couragierten Mann und seine humorvolle Art nicht missen. Er hat in beachtenswerter Weise aufgezeigt, wie er an «Herausforderungen gewachsen ist».

Und mit seinen Worten ausgedrückt: «Unsicherheiten und Ängsten mit dem Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit begegnen», «Das Rad – mein wiedergefundener Garant für Lebensqualität und Schuhersatz» oder «Aktiv werden, nicht im Passiven verweilen, Eigenverantwortung übernehmen und einen respektvollen Umgang mit Menschen pflegen», sind Worte, die für alle Gültigkeit haben.

Danke, Herr Frei, für diesen grossartigen Abend.

Text und Bilder: Doris Biedermann

Vortrag Heinz Frei Di 29.4.25
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